Strahlen auf der Haut

Das Kutane Lymphom ist ein seltener, bösartiger Tumor der Haut. Jährlich erkrankt in Deutschland einer von 100 000 Menschen neu daran. Mittels individuell konzipierter Therapie, zu der auch die Ganzhautbestrahlung gehört, finden Betroffene zu neuer Lebensqualität.


Von Kathrin Thomsen, Fotos Axel Kirchhof

Rote Flecken, erhabene Papeln und derbe Tumorknoten auf einzelnen Arealen oder großflächig, dazu Schmerzen und Juckreiz sowie nicht selten ein Stigma wegen seiner Sichtbarkeit – so zeigt sich das Lymphom der Haut. Die Patient:innen, die deshalb ins UKE kommen, haben oft bereits erfolglose Therapien hinter sich. Denn das Lymphom kann häufig nur schwer und erst nach einer Gewebeanalyse identifiziert werden, ähnelt es doch mitunter einer Neurodermitis oder Schuppenflechte. „Für Menschen mit einem Lymphom im fortgeschrittenen Stadium, die rund ein Viertel aller Fälle ausmachen, können wir stadien- und leitliniengerechte Konzepte anbieten“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Nina Booken, Oberärztin aus der Klinik für Dermatologie und Venerologie, „wir wenden etwa Interferon oder immunmodulierende Therapien an, die die Abwehr des Körpers verbessern“. Als besonders wirksame Ergänzung habe sich eine Bestrahlung erwiesen. „Diese erhalten die Patient:innen während eines stationären Aufenthalts, damit wir mögliche akute Nebenwirkungen auf die Haut, den Kreislauf, die Temperaturregulation oder die Nieren engmaschig beobachten und behandeln können“, so Booken. Im Nachgang benötige die Haut, die sich komplett schäle, vor allem Cremes und desinfizierende Mittel.

Seit Jahrzehnten setzt die Onkologie auf die weiterentwickelte Entdeckung Röntgens Ende des 19. Jahrhunderts: beschleunigte Elektronen mittels Röntgenröhren, Linear- und Kreisbeschleunigern. Inzwischen verzeichnet die Strahlentherapie rasante Zunahmen innovativer Therapieformen, die auf einem Linearbeschleuniger aufbauen. Dazu gehört auch die Ganzhautelektronenbestrahlung, die vor allem im universitären Bereich angewendet wird und sich bislang als sehr erfolgreich erwiesen hat. „Die Bestrahlung der gesamten Hautoberfläche stellt auch deshalb eine hochwirksame Methode dar, weil sie neben dem Lymphom ebenfalls eine mögliche Ausprägung in den Lymphknoten und im Knochenmark zurückdrängen kann“, weiß Dr. Andrea Baehr, Fachärztin für Strahlentherapie.

Person in der Ganzhautelektronenbestrahlung

Gemeinsam im Team hat die Expertin einen Linearbeschleuniger für die Ganzhautelektronenbestrahlung lizensieren und passendes Zubehör entwickeln lassen – um erstmals deutlich größere Areale als bisher üblich bestrahlen zu können. Die Herausforderung: Die Strahlen sollen sich möglichst homogen verteilen – das sei schwierig, da der Mensch kein physikalisch-geometrisches Gebilde darstelle. „Die Strahlung soll nur wenige Zentimeter in die Haut eindringen, das Wirkungsmaximum exakt auf der Haut platziert und gesundes Gewebe geschont werden“, erklärt Baehr. Das A und O dabei: die Sicherheit der Patient:innen. Daher hat das interdisziplinäre UKE-Team eine Konstruktion gefertigt und in umfangreichen Messungen, Berechnungen, Simulationen und Schulungen sukzessive optimiert.

Bestrahlung kann bis zu zwei Mal wiederholt werden

Derzeit werden die Patient:innen bewusst nur mit einem Drittel der Strahlendosis bestrahlt, die häufiger zu einer kompletten Remission, also dem vollständigen Verschwinden der Lymphome, führen würde. „Nach der Behandlung bleiben meist Läsionen sichtbar, aber wir halten die einhergehenden Hautrötungen und -schuppungen sowie die Behandlungsbelastungen in Grenzen – und können die Bestrahlung bei Bedarf bis zu zwei Mal wiederholen“, so Baehr. Die Bestrahlung selbst sei sehr effektiv. Zum Vergleich: Bei der Bestrahlung von Prostatakarzinomen sei die Dosis um ein Vielfaches höher, erläutert Dr. Baehr. Das Prinzip der Bestrahlung ist in beiden Fällen dasselbe: Trifft die Strahlung auf die Zellen, führt dies zu Doppelstrangbrüchen in der DNA. Während sich Normalgewebe erholen kann, sterben entartete Zellen ab.

Ziel: Effektive Therapie, geringe Nebenwirkungen

Derzeit noch fraglich sei, so die Strahlentherapeutin, wie sich eine medikamentöse Therapie und eine Bestrahlung noch besser miteinander kombinieren ließen und welche Schlüsse für Prognosen dazu aus Blutwerten zu ziehen seien: Profitieren Patient:innen mit Lymphomen auf der Haut eher von Antikörpern oder von einer Bestrahlung? Mit welcher Dosis und Dauer einer Therapie lassen sich die meisten Komplettremissionen bei möglichst wenigen Nebenwirkungen erzielen? Für Antworten auf Fragen wie diese, so hofft Baehr, werde die Forschung bald verlässlichere Daten liefern. Dr. Booken betont abschließend: „Es ist wichtig, dass wir nach jeder Bestrahlung die individuelle Therapie fortsetzen.“

CORNELIU NEDELCO wurde als erster Patient im UKE wegen des Sézary-Syndroms (Sonderform mit Tumorzellen in den Lymphknoten und leukämischem Verlauf mit hoher Krankheitslast) auf großen Arealen der Haut bestrahlt

Corneliu Nedelco wurde als erster Patient im UKE wegen des Sézary-Syndroms (Sonderform mit Tumorzellen in den Lymphknoten und leukämischem Verlauf mit hoher Krankheitslast) auf großen Arealen der Haut bestrahlt:

"Ich habe dank der Bestrahlung keine entarteten Zellen mehr in der Haut. Im UKE fühle ich mich bestens behandelt.“

Portrait Dr. Andrea Baehr

Dr. Andrea Baehr

Zuvor am Universitätsklinikum Münster tätig, kam die Fachärztin für Strahlentherapie 2021 ins UKE. Hier baute die 34-Jährige die Ganzhautelektronenbestrahlung gemeinsam im Team mit der Klinik für Dermatologie und Venerologie auf.

Portrait Priv.-Doz. Dr. Nina Booken

Priv.-Doz. Dr. Nina Booken

Seit 2017 ist Booken Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie. Als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten engagiert sie sich in Arbeitsgruppen zu Kutanen Lymphomen.

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